--- Fußball Aktuell ---

Aufbruch auf dem roten Hügel

27.10.2018, VON ALEXANDER SCHMID — ARTIKEL AUSDRUCKEN E-MAIL VERSCHICKEN

Der Erfolg der SPV 05 Nürtingen liefert eine Geschichte, wie sich die sogenannte Flüchtlingskrise gewinnbringend für alle gestalten lässt

Der Erfolg der SPV 05 Nürtingen liefert eine Geschichte, wie sich die sogenannte Flüchtlingskrise gewinnbringend für alle gestalten lässt. Fotos: Ralf Just

Manche Vereine leben vom Geld, andere von ihrer Weltoffenheit. Manche Vereine versprühen Glanz, andere bestechen durch ihren Charme. Manche Vereine können überall zuhause sein, andere sind untrennbar mit ihrem Ort und ihrer Geschichte verbunden.

„Kurz, kurz, kurz! Los, spiel ab! Bewegung, Bewegung, Bewegung“, raunt es unter dem flachen Schild seiner schwarz-roten Baseball-Kappe in den Nürtinger Nachthimmel hinein. Wenn Ignace Didavi auf dem Trainingsplatz brüllt, dann heißt das für seine gut 30 Fußballer, die sich an diesem Donnerstagabend zur wöchentlichen Übungseinheit auf dem Waldheim im Nürtinger Stadtteil Roßdorf versammelt haben: Schluss mit lustig, jetzt wird gespurt.

 

An das Bild des streng kommandierenden Trainers der SPV 05 Nürtingen muss man sich als Außenstehender erst noch gewöhnen. Vor allem nach diesem Auftritt. Wenn der Vater des derzeit wohl bekanntesten Nürtinger Fußballers am Sportgelände an der nach dem ehemaligen SPV-Vorsitzenden benannten Helmut-Nauendorf-Straße vorfährt, aussteigt und losmarschiert, dann braucht er für zehn Meter gefühlte zehn Minuten. Links ein freundlicher Händedruck, rechts ein kurzer Small Talk, hier ein kurzes Schäkern, dort ein freundlicher Klaps auf den Rücken. Ein Mann, voll und ganz in seinem Metier.

Eigentlich kann man sich der Herzlichkeit und dem ansteckenden Lachen des betont lässigen Trainers kaum entziehen. Aber Ignace Didavi ist weit mehr als nur der Kumpeltyp unter den Fußballtrainern der Region. Er ist ein Mann der Disziplin und des gegenseitigen Respekts. Vor allem aber ist er eines: die große Identifikationsfigur in einer Mannschaft, die derzeit auf außergewöhnliche Art sportlich für Furore sorgt.

Erstmals seit der Spielklassenreform im Jahr 1978 hat die Sportvereinigung 05 Nürtingen im vergangenen Sommer den Klassenverbleib in der Fußball-Kreisliga A geschafft. Nach elf Spieltagen und neun Siegen befindet sich die Truppe aus dem Roßdorf in dieser Spielzeit aktuell auf Platz eins und klopft schon mal leise an die Tür zur nächsthöheren Klasse, der Bezirksliga an. Die SPV in der Beletage der regionalen Kickerszene? Das gab’s noch nie. Und noch vor einem Jahr hätte dieser Gedanke auch geradezu absurd geklungen. Schließlich saßen die sogenannten Waldheim-Buben im Winter der zurückliegenden Saison wieder einmal gewaltig in der Patsche, standen als Abstiegskandidat Nummer eins in die unterste Liga im Grunde genommen bereits fest. Doch dann nahm die Geschichte des ewigen Underdogs einen unerwarteten Verlauf.

Zurück im Training. Zurück zur Ursachenforschung.

Wer in der herbstlichen Nachmittagssonne über die leicht angestaubte Sportanlage im Schatten der rosagelb-blassgrün schimmernden Hochhausbauten des Roßdorfs streift, der fühlt sich schnell zurückversetzt in die Zeiten, als auf dem Höhenrücken am Beginn des Neuffener Tals die große Aufbruchstimmung herrschte. In den 1960er- und 70er-Jahren galt das Roßdorf als Nürtingens großer Vorzeigestadtteil, entstanden als Musterbauvorhaben für modernen Städtebau am Reißbrett. Die SPVler machten sich damals daran, ihren Fußballplatz der neuen Umgebung anzupassen. Mithilfe von Spendenaufrufen und unzähligen Stunden ehrenamtlicher Arbeit errichteten sie ihre Sportanlage, so wie man sie heute kennt. Viel Zeit ist seitdem vergangen. Heute blättert der rote Lack vom alten Stadionsprecherhäuschen, Grashalme drücken durch den schwarzen Teer der angrenzenden Laufstrecke, an den rostigen Geländern rund um den Hauptplatz hängen spärliche acht Werbebanden, von Wind und Wetter verblasst, ihr einstiger Lockruf – bei manchem kaum mehr zu erkennen. Jahrzehnte klammer Kassen haben hier ihre Spuren hinterlassen.

 

Wer zu uns kommt, muss sich ordentlich benehmen“

Ignace Didavi

Wenn aber das Flutlicht angeht und das Training beginnt, dann fühlt man sich regelrecht in die Gegenwart katapultiert. Hineinbefördert in die Zeit der sogenannten Krise und zu einer guten Geschichte darüber, wie sich die 2015 begonnene Zuwanderung von Menschen, die hierzulande eine echte Lebensperspektive suchen, gewinnbringend für alle gestalten lässt.

In der Kabine im Keller der Sportgaststätte Waldheim sitzen Omar Fatty, Yusupha Bojang, Sanna Jatta, Bruno Kenfack, Nazifou Mamanzougou, Jackson Kwadio Mensah, Amadou Minteh und Muhammed Gaye. Für ein Gruppenbild ziehen sie sich ihre Trikots über. Schüchterne Jungs sitzen da. Geflüchtete aus Togo, Gambia und Kamerun. Sie tragen das SPV-Wappen auf ihrer Brust und – folgt man ihrem Trainer – das Herz am richtigen Fleck. „Die Leute sind hier sehr nett zu uns. Wir sind hier wie eine Familie. Wenn jemand ein Problem hat, finden wir gemeinsam eine Lösung“, erzählt Bruno Kenfack stellvertretend für seine schwarzafrikanischen Kameraden, die die auf Deutsch gestellten Fragen des Reporters zwar verstehen, sich aber noch nicht trauen, in der Sprache ihres Sehnsuchtslandes zu antworten.

Kenfack ist einer von insgesamt zwölf Geflüchteten, die seit gut einem Dreivierteljahr auf dem Waldheim aus und ein gehen. Nicht nur als Spieler. Auch als Linienrichter oder Jugendtrainer fühlen sie sich hier geschätzt und gebraucht. Die wenigsten unter ihnen kommen direkt aus dem Roßdorf. Ihr Einzugsbereich ist wesentlich größer. Sie wohnen in Wendlingen, Esslingen oder Frickenhausen. Überall dort hat sich inzwischen herumgesprochen, dass es sich lohnt, dreimal in der Woche den umständlichen Weg in den Nürtinger Stadtteil auf sich zu nehmen und unter Ignace Didavi zu spielen und zu trainieren. „Ignace weiß, wie sie fühlen und denken und wie er sie anpacken muss. Die Jungs haben Respekt vor ihm und blicken zu ihm auf“, sagt der Sportliche Leiter Caner Eker über seinen Trainer, der in den 1980ern sein westafrikanisches Heimatland Benin verließ, in der damaligen DDR, in Chemnitz, Elektrotechnik studierte und sich dann ein Leben im Roßdorf aufbaute.

„Er hat hier bei null angefangen und sich integriert. Das gibt er jetzt weiter“, weiß Heinz Weyrich, der nicht nur Didavi von Beginn seiner Nürtinger Zeit an kennt, als der damals noch junge Familienvater mit seinem Sohn Daniel an der Hand auf das Sportgelände der Nullfünfer kam und fragte, ob der Bub hier mitspielen könne – Weyrich kennt auch die unverwechselbare DNA dieses Clubs wie kaum ein anderer.

Seit 1969 lebt der langjährige Jugendleiter und Ehrenamtspreisträger des Deutschen Fußballbundes im Roßdorf. Ein Mann der ersten Stunde also in seinem Stadtteil, der bei den letzten Bundestagswahlen einen gewaltigen Rechtsruck erlebte, als knapp 35 Prozent der AfD mit ihren ausländerfeindlichen Programmpunkten ihre Stimme gaben. Zahlen, die Heinz Weyrich gewaltig stören und die so gar nicht zu seinem Verein passen, der von jeher für eine Willkommenskultur stand und Schmelztiegel für Menschen unterschiedlichster Herkunft war. „Früher waren wir ein Vorzeigestadtteil. Jetzt lässt man uns so richtig fallen“, ärgert sich der engagierte Rentner über das schlechte Image seines Viertels, das in der restlichen Stadt auch als „Roßdorf-Ghetto“ verschrien ist.

 

Mit Integration hatten wir nie ein Problem“

Heinz Weyrich

Als Weyrich sich der SPV anschloss, existierte das Roßdorf noch nicht. Wo heute geometrisch sauber angeordnete Bungalow-Flachbauten und Hochhäuser knapp 4000 Menschen Wohnraum bieten, waren in den 50er-Jahren noch Schafswiesen und der Nürtinger Reit- und Hundedressurplatz, wie sich der 73-Jährige erinnert. 1905 wurde der Verein als Freie Turnerschaft gegründet. Erst mit dem Bau der Waldheim-Gaststätte zogen die Turner 1924 von der Schreibere hinauf auf den Berg, der einige Jahre später als „roter Hügel“ die weltanschaulichen Ängste eines großen Teils der Bevölkerung bediente, als ein offen bekennender Kommunist den Vereinsvorsitz innehatte. Von den Nationalsozialisten verboten und enteignet, lebte der Verein nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs neu auf. Unter dem neuen Namen Sportvereinigung war in Zeiten zahlreicher Kriegsopfer ursprünglich ein Zusammenschluss aller Nürtinger Vereine geplant. Doch die Klubs aus dem Tal scherten kurzfristig wieder aus und so blieb die Turnerschaft allein auf weiter Flur.

„Mit Integration hatten wir nie ein Problem“, blickt Weyrich auf die bewegte Geschichte der SPV zurück. In den Nachkriegswirren war er als Sudetendeutscher selbst als Flüchtling nach Süddeutschland gekommen. „Ich kann die Flüchtlinge gut verstehen“, erinnert er sich an die Zeiten, als er es war, der als junger Kerl von Einheimischen argwöhnisch beäugt wurde. Schon damals schlossen sich viele Vertriebene der Sportvereinigung an. In der Ära Helmut Kohl waren es die Russland-Deutschen und die Einwanderer aus dem zerfallenen Jugoslawien, die aus der Trabantenstadt den Weg zum Waldheim fanden und den Verein bis heute mit prägen.

Von seinem Image konnte sich die SPV nie mehr lösen. „Wir sind der ungeliebte Verein in Nürtingen. Die anderen wollten mit uns nichts zu tun haben“, sagt Weyrich, der den Ruf seines Clubs mit Humor sieht. Er kann darüber lachen, ein bisschen macht es ihn sogar stolz, auch wenn die Geschichte vom verruchten Arbeiterverein bis heute für eine nicht gerade üppig gefüllte Vereinskasse sorgt. Schon immer hätten die Unternehmer und Geschäftsleute in der Region bevorzugt den schillernden FV 09 und die Turngemeinde unterstützt. „Wir hatten da nie eine Chance“, sagt Weyrich. Dabei können er und seine Mitstreiter finanzielle Unterstützung mehr gebrauchen denn je. Ihr Sportheim mussten sie vor drei Jahren bereits verkaufen, seitdem findet das Vereinsleben hauptsächlich im provisorisch aufgebauten Zelt statt. Und auch ihre Arbeit mit den Geflüchteten bringt zwar wertvolle Punkte für die Tabelle, kostet den Verein aber viel Zeit, Organisationstalent und auch Geld.

Elf Freunde müsst ihr sein“, sagt der Fußball-Romantiker. Schwärmer, die an die völkerverbindende Kraft des Sports glauben, dürften sich in der Kabine der SPV bestätigt fühlen.

„Wir tun was für die Gemeinschaft“, betont Weyrich. Fahrdienste müssen organisiert werden, um ihre neuen Spieler am Bahnhof in Wendlingen und Nürtingen abholen zu können, „auch wenn wir schauen, dass sie so selbstständig wie möglich werden, die Sprache lernen und sich weiter integrieren“, wie Caner Eker erzählt. Gibt’s beim Spiel oder Training was auf die Füße, „dann gehst du mit ihnen zum Arzt“ – oder zur Apotheke. Und wer zahlt die Medikamente? Wir schauen, dass wir das schaffen“, sagt Eker, der von vielen gemeinsamen Ausflügen abseits des Platzes erzählt, aber auch von dem, was die Geflüchteten dem Verein alles zurückgeben. „Sie sind sehr engagiert, bei den Arbeitsdiensten ganz vorne dabei und immer im Training.“

Inzwischen sei ein regelrechter „Hype“ entstanden, seit die SPV von Sieg zu Sieg eilt und die Leute verfolgen können, was für starke Kicker da plötzlich das feuerrote Trikot tragen. Zwischen 200 und 300 Zuschauer kommen mittlerweile zu den Heimspielen der SPV. „Die Spieler sind sehr begehrt“, erzählt Eker. „Die Kinder wollen sehen, wie die Fußball spielen. Die Flüchtlinge sind Vorbilder für unsere Jugendspieler.“

Allen voran natürlich Nazifou Mamanzougou. Bereits in der Rückrunde der vergangenen Saison schoss der junge Togolese die SPV fast im Alleingang zum Klassenverbleib. Auch in dieser Spielzeit ist er trotz dreiwöchiger Verletzungspause mit 14 Treffern in der Torschützenliste der Kreisliga A 2 einer der Besten. Dass er sich im November vergangenen Jahres als einer der ersten Geflüchteten der Sportvereinigung angeschlossen hatte, das kam nur durch einen riesigen Zufall zustande. Verletzungsbedingt waren Didavi die Stürmer ausgegangen und so sprach der Trainer in einem Kaufhaus in Wendlingen drei Flüchtlinge an und fragte, ob sie kicken könnten. „Der da“, zeigten die beiden anderen auf den Mann in der Mitte und die einmalige Erfolgsgeschichte begann. Dabei hätte Mamanzougou eigentlich gar nicht zu haben sein dürfen. Schließlich wurde der Vollblutstürmer Wochen zuvor bereits bei einem anderen Verein aus der Region im Training vorstellig. „Nein danke, du nicht“, hieß es dort – eine Geschichte, die, so traurig sie auch ist, Trainer Didavi bis heute noch amüsiert.

„Wir sind hier im Roßdorf. Hier haben wir die Philosophie, dass jeder mitmachen darf“, sagt der Mann mit der Schildkappe, während sich beim „Fünf gegen zwei“ Spieler den Ball zu schieben, deren familiäre Wurzeln den halben Erdball abdecken. „Jeder“ heißt aber auch bei der SPV nicht „komplett“ jeder. Denn Werte wie Anstand und Respekt setzt Didavi weit höher als sportliches Können. „Es ist mir wichtig, dass diejenigen, die hierherkommen, sich ordentlich benehmen. Meine Suchkriterien sind sehr streng“, betont er und wird plötzlich ernst. „Fußball ist nur ein Hobby, aber eine gewisse Disziplin muss sein.“ Dass sich hinter diesem Anspruch nicht nur leere Worte verbergen, lässt sich mit Zahlen belegen. Auch in der Fair-Play-Tabelle ist die SPV nach einem Drittel der Saison ohne einen einzigen Platzverweis ganz vorne dabei.

Bleibt die Frage nach den sportlichen Perspektiven. „Das Ziel ist die Bezirksliga“, zeigen sich Bruno Kenfack und seine Freunde in der Kabine selbstbewusst. Ihr Trainer will aber lieber nicht zu große Erwartungen aufkommen lassen. „Hohe Ansprüche haben wir nicht“, sagt Didavi. „Wir wollen einfach guten Fußball spielen, damit die Fans, die für uns auf ihren Sonntagsbraten verzichten, sich freuen.“ Mit der Kritik von außen, dass der sportliche Erfolg in dieser Konstellation nur ein kurzfristiger sein kann, gehen die SPVler gelassen um, auch wenn sie wissen, dass das Nürtinger Fußballmärchen von übergeordneten Mächten dauerbedroht ist. „Die politische Sache schwebt immer über uns“, sagt Spielleiter Caner Eker. Das Wort Abschiebung nimmt er nicht in den Mund. Und natürlich hat sich auch bei den finanzstärkeren Vereinen in der Region längst herumgesprochen, was für ein Potenzial bei dem ein oder anderen Spieler im SPV-Trikot steckt.

Geld regiert auch den Amateur-Fußball. Abwerber und Verlockungen warten überall. „Wir stellen unseren Ignace und unseren Zusammenhalt dagegen“, sagt Heinz Weyrich. So gut das auch klingt, ob es reicht, das wird man sehen.

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